Erektionsprobleme und Erektile Dysfunktion
Warum mehr Tun nicht die Lösung ist
Fast jeder Mann erlebt im Laufe seines Lebens Phasen, in denen die Erektion nicht so funktioniert wie gewohnt. Trotzdem fällt es vielen schwer, darüber zu sprechen.
Für Männer kann ein Erektionsproblem sehr tiefgehend sein. Die Erektionsfähigkeit ist für viele eng mit der eigenen männlichen Identität und dem Selbstwert verbunden. Ohne Erektion ist eine klassische sexuelle Vereinigung nicht möglich, und selten ein Orgasmus und Ejakulation. Damit ist ohne Erektion auch Fortpflanzung schwer möglich (im Gegensatz zu Frauen, die sich auch ohne eigenen Orgasmus fortpflanzen können). Dadurch bekommt das Thema für viele Männer – oft auch unbewusst– eine existenzielle Bedeutung.
Scham, Unsicherheit und Selbstzweifel führen häufig dazu, dass Männer Erektionsschwierigkeiten mit sich selbst ausmachen. Folgen davon können sein, dass sie sexuelle Situationen meiden oder versuchen, im Außen etwas zu verändern (zum Beispiel durch einen Partner*innenwechsel).
Erektionsprobleme sind jedoch kein Zeichen von Schwäche. Der Körper zeigt vielmehr, dass etwas gerade mehr Aufmerksamkeit braucht. Sie sind eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Für eine gute Begleitung ist es grundlegend, die Ursachen zu verstehen, denn Erektionsprobleme können ganz unterschiedliche Gründe haben.
Und die gute Nachricht ist: Wenn die Ursachen erkannt werden, gibt es meistens Möglichkeiten, etwas zu verändern.
Wie entsteht eine Erektion?
Das Wichtigste gleich zu Beginn: Eine Erektion ist ein Reflex. Sie kann nicht einfach durch Willenskraft und Tun hergestellt oder kontrolliert werden.
Damit eine Erektion entsteht, braucht es Lust und sexuelle Erregung. Das Gehirn gibt Signale an den Körper weiter, die Blutgefäße erweitern sich, Blut kann in die Schwellkörper des Penis fließen und die Erektion entsteht.
Dafür müssen sich die Muskeln, die den Penis umhüllen, entspannen. Die Arterien weiten sich und die Venenklappen schließen, sodass das Blut in den Penis einströmen kann und nicht wieder zurückfließt. Dadurch steigt der Blutdruck in den Schwellkörpern und der Penis richtet sich auf.
Das Interessante an der Erektion ist also: Sie beginnt mit Loslassen.
In diesem Moment ist der Parasympathikus aktiv, während der Sympathikus Pause hat. Steht ein Mann jedoch unter Stress, Angst oder Druck, aktiviert sich der Sympathikus. Der Körper schaltet – für uns oft unbewusst – in einen Kampf- oder Fluchtmodus.
Und wenn ein Mensch kämpfen oder flüchten sollte, ist eine Erektion natürlich nicht hilfreich. Der Körper sorgt in diesem Moment dafür, dass die Energie dort eingesetzt wird, wo sie gebraucht wird.
Weil es so wichtig ist, erwähne ich es noch einmal:
Eine Erektion entsteht nicht durch Kontrolle und Tun, sondern durch Entspannung und Lust.
Mögliche Ursachen von Erektionsproblemen
Gesundheitliche Ursachen
Erektionsprobleme können gesundheitliche Ursachen haben. Dazu gehören unter anderem Durchblutungsstörungen, Venenschwäche, Diabetes, zu hoher oder zu niedriger Blutdruck, hormonelle Veränderungen, Operationen oder Nebenwirkungen von Medikamenten sowie Alkohol- und anderem Drogenkonsum.
Deshalb ist eine medizinische Abklärung wichtig.
Hilfreiche Fragen sind:
- Gibt es Morgen- oder nächtliche Spontanerektionen?
- Erlebt Mann bei der Selbstbefriedigung eine Erektion?
- Tritt das Problem immer auf oder nur in bestimmten Situationen?
- Begann die Erektionsschwäche plötzlich oder hat sie sich langsam entwickelt?
Diese Fragen helfen dabei, die Situation besser einzuordnen.
Wenn ein Mann gar keine Erektionen erlebt (auch keine Spontanerektionen) und sich das Problem schleichend entwickelt hat, kann dies ein Hinweis auf eine gesundheitlichen Hintergrund sein.
Weitere Ursachen für Erektionsprobleme
Die Gründe sind vielfältig. Oft wirken mehrere Faktoren zusammen:
Psychische Anspannung, Leistungsdruck, Lustlosigkeit (zum Beispiel durch fehlende Anziehung), eingeschränkte Erregungsquellen oder eine hohe körperliche Anspannung können eine Rolle spielen.
Manche Männer haben gelernt, Sexualität vor allem über Spannung, Druck und starke Reibung zu erleben.
In jungen Jahren funktioniert vieles automatisch: Das Testosteron ist höher, die Durchblutung ist besser, der Körper reagiert schnell und die Erektion scheint selbstverständlich.
Mit zunehmendem Alter verändert sich der Körper. Was früher automatisch funktioniert hat, funktioniert plötzlich – verstärkt durch die zusätzliche körperliche Anspannung – nicht mehr so wie gewohnt.
Die gute Nachricht ist: Sexualität ist etwas, das man entwickeln und erweitern kann.
Einige wichtige Fragen lauten:
- Wie baust du deine Erregung auf?
Spielst du mit Spannung und Entspannung oder baust du deine Erregung vor allem durch Anspannung und starke Reibung auf? - Spürst du deinen Körper oder erlebst du Sexualität hauptsächlich im Kopf?
- Ist deine Sexualität vielfältig oder gibt es einen einzigen Weg, wie Erregung funktioniert?
- Kannst du genießen oder geht es vor allem darum, zu funktionieren?
Die Angstspirale
Oft beginnt alles mit einem einzigen Moment: Die Erektion bleibt einmal aus oder geht einmal während des Liebesspiels verloren.
Danach entsteht häufig die Angst:
„Was, wenn es wieder passiert?“
Beim nächsten Mal wird der Penis unbewusst kontrolliert:
„Ist er noch hart? Funktioniert es diesmal?“
Doch genau diese Kontrolle erzeugt Stress. Der Körper schaltet auf Alarm, die Entspannung verschwindet – und die Erektion funktioniert wieder nicht.
Es entsteht eine Abwärtsspirale:
Weniger Erektion – mehr Angst – mehr Anspannung – noch weniger Erektion.
Das eigentliche Problem ist dann nicht mehr nur die ursprüngliche Ursache, sondern zusätzlich die Angst vor dem erneuten Ausbleiben der Erektion.
Damit ist der Verlust der Erektion beim nächsten Mal beinahe vorprogrammiert.
Was kann helfen?
Der erste Schritt ist, sich mit diesen Sorgen nicht allein zu lassen. Eine medizinische Abklärung schafft Klarheit über mögliche gesundheitliche Ursachen.
Ebenso wichtig ist es jedoch, den Blick zu erweitern. Genau hier setzt Sexualcoaching an:
Weg von der Frage:
„Warum funktioniert mein Körper nicht?“
Hin zu der Frage:
„Was braucht mein Körper, um sich wieder sicher, lebendig und lustvoll zu fühlen?“
Im Sexualcoaching geht es darum, gemeinsam genau hinzuschauen: auf die individuelle sexuelle Geschichte, die persönlichen Erfahrungen und die Zusammenhänge, die hinter dem Erektionsproblem stehen.
Es geht nicht darum, gegen das Erektionsproblem zu kämpfen, sondern mit dem eigenen Körper in Kontakt zu kommen.
Es geht darum, den Druck loszulassen, das Nervensystem zu regulieren, den eigenen Körper besser kennenzulernen, die eigene Sexualität zu erweitern, ins Spüren und Genießen zu kommen, die Angstspirale hinter sich zu lassen und Sexualität wieder mit Freude und Vertrauen zu erleben.
Hilfreich kann sein:
- den eigenen Körper bewusster wahrzunehmen
- aus dem Kopf wieder mehr in den Körper zu kommen
- mit Atmung und Entspannung zu spielen
- den Wechsel von Spannung und Entspannung kennenzulernen
- die Wahrnehmung und Sensibilität der Genitalien zu erweitern
- das eigene Erregungsmuster zu erforschen und zu erweitern
- die Quellen der eigenen Lust zu vergrößern
- Sexualität spielerischer und vielfältiger zu gestalten und wieder mehr Leichtigkeit hineinzubringen
Denn eine erfüllende Sexualität basiert nicht auf einer perfekten Erektion.
Sie basiert auch nicht auf Funktionieren und Leistung.
Eine erfüllende Sexualität entsteht durch Qualitäten wie Verbundenheit – mit sich selbst und mit anderen Menschen –, sinnliche Wahrnehmung, Präsenz, Lust und Genuss. Oft folgt die Erektion dann ganz von selbst.
Wenn eine Erektion nicht mehr möglich ist
Und sollte es aus gesundheitlichen Gründen tatsächlich nicht mehr möglich sein, eine Erektion zu bekommen, gibt es Wege, positiv mit dieser Situation umzugehen.
Ein halb- oder nicht-erigierter Penis kann sich ebenfalls weich mit einer Vagina vereinigen. Außerdem gibt es viele lustvolle Spielarten, Sexualität jenseits der sexuellen Vereinigung zu erfahren.
Ich habe Paare erlebt, die durch diese Situation in einen neuen sexuellen Lebensabschnitt gekommen sind – mit einer erfüllten, tiefgehenden, innigen und ganz besonders verbundenen Sexualität, auch wenn eine klassische sexuelle Vereinigung nicht mehr möglich war.
Die wichtigste Zutat einer erfüllenden Sexualität ist nicht die Erektion.
Es sind Qualitäten wie Verbundenheit, Vertrauen, Berühren und Berührtsein, Präsenz und ein Erleben mit allen Sinnen, die eine körperliche Begegnung mit dir selbst oder anderen Menschen besonders machen.
Du musst deinen Weg nicht alleine gehen. Manchmal braucht es einen geschützten Raum, um Zusammenhänge zu erkennen und neue Erfahrungen zu machen. Im Sexualcoaching begleite ich dich dabei, deinen Körper besser zu verstehen, wieder Vertrauen in deine Sexualität zu entwickeln und deinen ganz persönlichen Weg zu einer erfüllten Sexualität zu finden.
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